Fachmodelle abgrenzen
Wie viele Dateien braucht das Projekt, und wo verläuft die Grenze?
Themenfeld 4 · Das Modell, das Information trägt · Lesezeit 6 Minuten
Ein Projekt liegt nicht in einer Datei. Jede Fachdisziplin baut ihr eigenes Modell, und diese Modelle werden zu vereinbarten Zeitpunkten zusammengeführt. Wer das zum ersten Mal hört, stellt zwei Fragen: Wie viele Modelle werden das, und wo verläuft die Grenze zwischen ihnen? Beides legt man vorab fest, bevor jemand das erste Bauteil zeichnet.
Was gemeint ist
Das Regelwerk des Bundesfernstraßenbaus widerspricht dem Wunsch nach einer Projektdatei. Die Fachdisziplinen erstellen eigene Modelle und führen sie regelmäßig zusammen.1 Der Fachbegriff dafür lautet föderiert.
Den Grund nennt eine schweizerische Orientierungshilfe zur ISO 19650. Das Strukturschema, die vorab festgelegte Gliederung der Ablage, bestimmt, welche Informationseinheiten ein Projekt hat, damit Beteiligte ihre Informationen nicht gegenseitig überschreiben.2 Eine solche Einheit ist der Informationscontainer, die einzelne Datei oder der Datensatz in der Ablage.
Festgelegt wird die Aufteilung vom federführenden Informationsbereitsteller und seinem Team, erfahrungsgemäß meist dem koordinierenden Büro. Sie sollte in der Verantwortlichkeitsmatrix stehen und kann im BIM-Abwicklungsplan (BAP) mitgeteilt werden; der Auftraggeber kann sie vorgeben.2
In Lieferlisten stehen vier Begriffe, die oft verwechselt werden.
- Das Fachmodell enthält nur die Modellelemente einer Fachdisziplin und hat einen Verantwortlichen, der es erstellt, prüft und übergibt.1
- Das Teilmodell ist eine Untermenge davon, räumlich oder nach Gegenstand abgegrenzt.1
- Das Koordinationsmodell führt mehrere davon zu einem festgelegten Zeitpunkt zusammen. Darin wird gelesen; geändert werden die Fachmodelle in ihrer Software.1
- Das Gesamtmodell ist der Sonderfall, in dem sämtliche verfügbaren Fach- und Teilmodelle zusammengeführt sind. Es wird insbesondere zum Abschluss einer Leistungsphase erstellt; wer es zusagt, sagt die ganze Zusammenführung zu.1
Aufgeteilt wird nach den Gewerken, die an Planung und Bau beteiligt sind;3 welche Software sie benutzen, spielt keine Rolle. Das Bestandsmodell ist trotz seines Namens im Regelfall kein einzelnes Fachmodell,1 sondern ein Koordinationsmodell der Grundlagen.
Was das für dein Büro heißt
Nehmen wir das gedachte Beispiel, eine Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit Mischwasserkanal, geplant von einem Büro mit acht Leuten. Straße und Kanal liegen in einer Hand, und trotzdem entstehen zwei Fachmodelle.
Es gibt einen Autor Straße und einen Autor Kanal, dazu die Projektleiterin, die beides zusammenführt. Sie übernimmt nach den Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA), in unserem Vergabeordner die Anlage 7, zusätzlich die Gesamtkoordination.
Wonach wir aufteilen
Vier Kriterien lassen sich aus dem Regelwerk herauslesen, verteilt über mehrere Abschnitte.3 Die ersten beiden sagen, wie viele Modelle es werden. Fachlich entscheidet der Auftrag: Die Straße geht in das Fachmodell Verkehrsanlage, der Kanal in den Leitungsbau, dessen Beschreibung im Regelwerk die kommunale Entwässerung nennt, während die Straßenentwässerung bei der Verkehrsanlage bleibt;3 in unserem Lieferplan heißen die beiden Straße und Entwässerung, Entwässerung meint den Kanal.
Räumlich geben bei uns die drei Bauabschnitte mit rund 240, 280 und 280 Metern die Grenzen vor, weil sie getrennt gebaut und abgerechnet werden. Wer die Baumreihe im Gehweg führt, ist bei uns offen, weil kein Fachplaner Landschaftsbau beauftragt ist; die Frage gehört in den Abwicklungsplan.
Die anderen beiden Kriterien sagen, wie fein unterteilt wird, und beide kommen ohne eine Detaillierungszahl aus. Das erste hängt an den Anwendungsfällen. In unserem Vergabeordner sind unter anderem 050 und 080 angekreuzt, Nummern aus der Liste von BIM Deutschland, also Koordination der Fachgewerke und Ableitung von Planunterlagen.4
Das zweite Kriterium hängt an der Bauausführung, denn modelliert wird so, wie später gebaut wird.3 Ein Fahrbahnaufbau, der als ein einziger Körper über alle 800 Meter läuft, lässt sich später weder einem Bauabschnitt zuordnen noch abschnittsweise abrechnen. Bei uns sind das also zwei eigene Fachmodelle, jedes in drei Teilmodelle nach Bauabschnitt geteilt, dazu Vermessung, Umgebung und Baugrund als Grundlagenmodelle, die wir einmal aufbauen und dann schreibgeschützt hereinholen.
Die Modellgrenze ist der Streitpunkt
Für jedes Fachmodell wird ein Korridor festgelegt, der Bereich, in dem nur dieses Modell baut; die Übergangsbereiche sind einzeln aufeinander abzustimmen.3 An einer Gemeindestraße reibt es an vier Bauteilen, und ohne Festlegung liegt ein Bauteil am Ende doppelt vor oder gar nicht.
| Bauteil an der Grenze | Strittig zwischen | Was ohne Festlegung passiert |
|---|---|---|
| Straßenablauf | Verkehrsanlage oder Leitungsbau | beide legen ihn an, die Menge zählt ihn zweimal |
| Bordstein | Verkehrsanlage oder Landschaftsbau | jeder hält den anderen für zuständig, er fehlt oder liegt doppelt |
| Schachtabdeckung in der Fahrbahn | Leitungsbau oder Verkehrsanlage (Oberbau) | zwei Bauteile an derselben Stelle, mit zwei Höhen |
| Hausanschluss | Leitungsbau oder außerhalb des Auftrags | der Anschluss fehlt, oder er liegt bis zur Grundstücksgrenze doppelt |
Die vier Zuordnungen samt Folgen sind eine Einschätzung ohne Vorgabe im Regelwerk.
Ein Verbandsdokument aus dem Spezialtiefbau fordert die Abstimmung härter: Die räumlichen Schnittstellen und die Projektkoordinaten sind zwischen den Fachplanern zwingend abzustimmen.5 Zu unseren vier Bauteilen sagt das Rahmendokument nichts; für ähnliche Übergänge verlangt es an drei Stellen eine projektspezifische Abstimmung,3 und was es offenlässt, muss das Projekt festlegen.
Zusammengeführt wird bei uns alle vierzehn Tage, in unserem Lieferplan der dritte Datenübergabepunkt (DÜP 3). Was in der Ablage als geteilt freigegeben ist, wird schreibgeschützt referenziert.6
Ein eigenes Regelwerk für die kommunale Modellaufteilung war am 06.08.2026 nicht zu finden. Der Bund benennt neun Fachmodelle, ohne ihre Inhalte als vollständig auszugeben.1 Welche davon eine Gemeindestraße braucht, bleibt deshalb eine Einschätzung; sie steht als Frageliste mit dem Suchweg auf dem Datenblatt Kataloge und Merkmale dieses Themenfelds.
Woran du es erkennst
Ob deine Aufteilung taugt, zeigen vier Fragen. Alle vier lassen sich beantworten, bevor das erste Bauteil entsteht.
- Steht jemand namentlich für die Aufteilung in deiner Verantwortlichkeitsmatrix? Fehlt der Eintrag, weiß später niemand, wer sie festgelegt hat.
- Passt sie zu deiner Abrechnung? Wird nach Bauabschnitten abgerechnet, muss jeder davon im Modell auffindbar sein, sonst zählst du am Ende von Hand zusammen.
- Sind die Bauteile an der Grenze namentlich zugeordnet? Straßenablauf, Bordstein, Schachtabdeckung und Hausanschluss gehören einzeln in das Kapitel Modellstruktur und Modellinhalte deines Abwicklungsplans.
- Führt jede Referenz Herkunft und Stand? Ohne diese beiden Angaben ist eine Referenz nur eine Kopie mit besserem Namen.
Dahinter steht eine Arbeitsregel, die das Regelwerk in einem Satz belegt: Modelle anderer Gewerke werden schreibgeschützt bei der eigenen Planung referenziert.6 Fremde Fachinhalte werden also verknüpft, nicht eingebaut; Herkunft und Stand dazu mitzuführen, ist eine sinnvolle Ergänzung. Wer kopiert, friert den Stand ein und merkt es erfahrungsgemäß erst, wenn der andere längst geändert hat.
Sagt die AIA nichts zur Aufteilung, bleibt die Frage offen. Dann schlägst du selbst eine vor und hältst sie in deinem Abwicklungsplan fest. Wie der im kleinen Büro entsteht, steht auf der Seite „Der BAP im kleinen Büro“ in Themenfeld 2.
Was im Bestandsmodell steckt, das in Lieferplänen oft „Fachmodell Bestand“ heißt, sagt die Seite „Bestandsdaten annehmen“ in Themenfeld 3. Welche Merkmale die Bauteile tragen müssen, klärt die Seite „Merkmale vor dem ersten Bauteil“ dieses Themenfelds. Wie die Modelle später gegeneinander geprüft werden, steht auf der Seite „Kollisionsprüfung im Tiefbau“ in Themenfeld 6.
Fundstellen geprüft am 06.08.2026. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.
- ↩ Rahmendokument „Definition der Fachmodelle“, BMVI, Version 1.0, Oktober 2021, Seiten 6 bis 10: föderierte Arbeitsweise, die vier Modellbegriffe, Bestandsmodell, Vorbehalt zu Tabelle 1.
- ↩ KBOB, Orientierungshilfe zur Normenreihe SN EN ISO 19650, Teil 1, 01.08.2023, Seite 24. Eine Orientierungshilfe, keine Norm; der Normtext bleibt außen vor.
- ↩ Dasselbe Rahmendokument, Seiten 8, 10, 15 bis 17, 19, 22 und 23: Aufteilung nach Gewerken, Leitungsbau, die vier Kriterien, Korridor und Übergangsbereiche.
- ↩ BIM Deutschland, Standard-Anwendungsfälle, Version 2.1 vom 15.02.2022: Klarnamen der Nummern 050 und 080.
- ↩ Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, „BIM im Spezialtiefbau, Anforderungen an die Modellinhalte“, ohne Publikationsdatum, abgerufen am 06.08.2026.
- ↩ Rahmendokument Datenmanagement, Masterplan BIM Bundesfernstraßen, Version 1.0, Tabelle 13 auf Seite 35, gesichert am 30.07.2026.
