BIM | Was BIM ist

Was BIM ist

In der Ausschreibung steht BIM. Was will die Gemeinde von uns?

Themenfeld 1 · Zuerst verstehen · Lesezeit 6 Minuten

Irgendwo im Vergabe-PDF steht das Wort BIM, und im Büro fragt jemand, ob wir das können. Bevor die Frage nach der Software kommt, lohnt ein Schritt zurück, denn die Antwort hängt nicht am Programm. Was verlangt die Methode also, und woran erkennt man, ob eine Zeichnung das schon erfüllt?


Was gemeint ist

Der Satz, den man am häufigsten hört, lautet: „Wir haben Civil 3D, also machen wir BIM.“ Er greift zu kurz, weil er beim Werkzeug anfängt.

Die maßgebliche Definition steht in der Normenreihe DIN EN ISO 19650, im ersten Teil.1 Sinngemäß beschreibt sie BIM als die Nutzung einer gemeinsam genutzten digitalen Abbildung eines Bauwerks, um Planung, Bau und Betrieb zu stützen und daraus eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen zu machen. Als Bauwerk nennt die Norm ausdrücklich auch Brücken, Straßen und Anlagen, als offene Liste, zu der ein Kanal ebenso gehört.1

Das wichtigste Wort dieser Definition steht ganz vorn: Nutzung. Subjekt ist nicht die Datei und nicht das Programm, sondern das, was man mit den Informationen anfängt. Deshalb führt die Frage „welche Software brauchen wir dafür“ nicht weiter, wenn im Vergabe-PDF plötzlich BIM steht. Die passende Frage lautet: Wer soll welche Information wozu benutzen, und wann muss sie da sein?

Die deutschen Regelwerke sind so gebaut. Sie ordnen ihre Anforderungen nach , also nach vereinbarten Zwecken, für die das Modell benutzt wird.2 BIM Deutschland rät beim Einstieg, zuerst Rollen und Zuständigkeiten zu klären; die Software kommt danach.3

Der zweite Gedanke hinter der Definition ist die Weitergabe. Information wird von Phase zu Phase weitergereicht, statt in jeder Phase neu erhoben zu werden. Wer den Kanal Jahre später instand setzt, liest am Bauteil ab, welches Material damals verbaut wurde, statt neu zu suchen.


Was das für dein Büro heißt

Nehmen wir als Beispiel eine gedachte Ortsdurchfahrt, 800 Meter Gemeindestraße mit Mischwasserkanal, geplant von einem Büro mit acht Leuten. Was die Gemeinde von uns will, steht in den (AIA), in unserem Vergabeordner die Anlage 7. Eine AIA verlangt im Kern drei Dinge, nämlich Bauteile, die Information tragen, eine Abgabe zu vereinbarten Zeitpunkten und ein Ergebnis, das der Auftraggeber auslesen kann.

Wie das im Einzelnen aussehen soll, sagt unsere Anlage nicht durchgehend, die Formate etwa bleiben offen, und solche Lücken klärt man vor dem Angebot. Das alles hängt daran, wie wir das Modell aufbauen; ein bestimmtes Programm setzt es nicht voraus.

Geometrie plus Information, an der Haltung gezeigt

Der Unterschied zwischen einer 3D-Zeichnung und einem Modell lässt sich an einem Gegenstand zeigen, den du jeden Tag anfasst. Nimm eine Haltung aus der Kanalerneuerung, also das Rohrstück zwischen zwei Schächten.

Geometrie ist alles, was man messen kann: Lage im Grundriss, Sohlhöhe an beiden Enden, Länge, Durchmesser. Information ist alles, was am Bauteil hängt, ohne dass man es sieht: Material, Nennweite, Baujahr, Zustandsklasse aus der letzten Befahrung, Eigentümer. Erst beides zusammen ergibt das, was die Definition eine digitale Abbildung des Bauwerks nennt.

Geometrie Lage, Höhe, Durchmesser Material Nennweite Baujahr + Information was am Bauteil hängt keine Geometrie Material Nennweite Baujahr = Modell beides zusammen Material Nennweite Baujahr Die linke Seite sieht fertig aus und liefert trotzdem keine Information.

Die leeren Zeilen im Bild sind grau und nicht rot, und das hat einen Grund. Eine reine Geometrielieferung mag in sich sauber sein, sie verfehlt aber, was gefordert war, und daran scheitern Abnahmen. Der Auftraggeber prüft nämlich, ob er die , die er in der AIA gefordert hat, maschinell auslesen kann, und das sieht man dem Rohr nicht an.

Warum die Reihenfolge zählt

Eine Büroeinführung, die mit dem Kauf beginnt, scheitert regelmäßig, weil das Programm nicht liefern kann, was vorher niemand bestellt hat.

Die Reihenfolge, die funktioniert, hat drei Stufen.

  • Zuerst der Zweck. Welche Anwendungsfälle nennt die AIA, und welche Entscheidung soll das Modell stützen? Ohne diese Antwort weiß niemand, wofür die Information am Ende gut sein soll.
  • Dann die Anforderung. Wie tief muss ein Bauteil beschrieben sein, welche Merkmale muss es haben und zu welchem Zeitpunkt, meist je Leistungsphase? Das steht in der , und daran hängt die Arbeitsmenge.
  • Erst dann das Werkzeug. Welche Software das leisten kann, lässt sich erst beantworten, wenn Zweck und Tiefe feststehen.

Ohne geeignete Werkzeuge geht es trotzdem nicht, denn an jeder Haltung und an jedem Schacht hängen Merkmale, und die pflegt niemand in einer Tabelle daneben. Der Satz vom Anfang ist also nicht falsch, er steht nur an dritter Stelle.

Zur Ehrlichkeit gehört noch etwas. Die deutsche Regelwerkslage endet früher als die Kette von Phase zu Phase, denn für Betrieb und Erhaltung hat der Regelprozess der Bundesfernstraßen noch keinen eigenen Anwendungsfall.4 Wer im Termin mit dem Betrieb argumentiert, stützt sich auf das Stück der Kette, das am wenigsten geregelt ist.

So sieht das in Civil 3D aus: Wie Haltungen und Schächte angelegt werden und wie die Sohlhöhen dort hineinkommen, steht im Fahrwasser-Kapitel Kanalnetz. Wie man einen Eigenschaftssatz anlegt und einem Objekt zuweist, zeigt später der Tiefgang-Bereich Dialog für Dialog. Hier geht es nur darum, warum das Bauteil die Merkmale überhaupt haben muss.

Woran du es erkennst

Die einfachste Selbstprüfung dauert eine Minute. Öffne deine letzte Kanalzeichnung und sieh nach, welche Merkmale an einer Haltung hängen, über Lage, Höhe und Durchmesser hinaus. Steht dort nichts zu Eigentümer, Baujahr oder Zustand, hast du eine 3D-Zeichnung und noch kein Modell im Sinn der Definition, denn diese Angaben entstehen nicht von allein mit dem Bauteil, sie müssen als Merkmale angelegt sein.

Das ist niemandem vorzuwerfen, die Zeichnung war so nie gefordert. Die Lücke kostet aber später Handarbeit an jedem einzelnen Bauteil.

An den Unterlagen erkennst du mit drei Blicken, wie ernst die Forderung gemeint ist.

  • Die Nummer des Anwendungsfalls. Steht sie da, ist der Zweck benannt, und der Aufwand dafür lässt sich abschätzen.
  • Der Lieferzeitpunkt mit Format. Ohne beides bleibt offen, wann du was abgibst, und das trifft später deinen Terminplan.
  • Die Liste der geforderten Merkmale. Steht dort nur eine Zahl je Leistungsphase, lässt sich die Menge der Arbeit nicht kalkulieren, weil niemand sagt, welche Angaben am Bauteil hängen sollen.

Fehlt eines davon, hast du eine offene Frage, die vor dem Angebot geklärt gehört. Wie du die Formen im Vergabe-PDF liest, steht auf der Seite „Das Vergabe-PDF lesen“ dieses Themenfelds; was du bei einer dünnen Anlage tust, auf der Seite „Die dünne AIA“ in Themenfeld 2.

Woher die Forderung kommt und wann daraus eine Pflicht für dein Büro wird, klärt die Seite „Ist BIM Pflicht?“. Wer noch nicht weiß, ob ihn das alles betrifft, macht in zwei Minuten den Selbstcheck auf der Übersicht BIM.

Wer in der Konstruktion sitzt, liest am besten gleich weiter auf der Seite „Was im Tiefbau anders läuft“, weil die Hochbau-Leitfäden dort nicht weiterhelfen.

Quellen

Fundstellen geprüft am 31.07.2026 und 08.09.2026. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.

  1. ↩ DIN EN ISO 19650-1, Abschnitt 3.3.14, über Katalogeintrag und übereinstimmende Sekundärstellen. Die Norm liegt hinter einer Bezahlschranke, deshalb steht hier die Bedeutung und kein Zitat.
  2. ↩ Rahmendokument „Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA)“, BMVI, Version 1.0, Oktober 2021, Kapitel 2.2, zur Ordnung nach Anwendungsfällen.
  3. ↩ BIM Deutschland, „Erste Schritte“: Rollen und Zuständigkeiten vor der IT-Infrastruktur.
  4. ↩ Rahmendokument „Anwendungsfälle für den Regelprozess“, V3.0, BMV, Februar 2026: achtzehn Steckbriefe bis Nummer 190, ein Anwendungsfall für Betrieb und Erhaltung fehlt noch.
Stand 09/2026