Civil 3D | Böschungen verstehen und die erste Verschneidung erstellen

Böschungen verstehen und die erste Verschneidung erstellen

Im Tiefbau muss ständig ein geplantes Höhenniveau an das bestehende Gelände angeschlossen werden. Eine Baugrubensohle liegt tiefer als das Gelände, eine Dammkrone höher, ein Plateau dazwischen. Den schrägen Übergang nennt man Böschung. In Civil 3D zeichnet man diese Böschung nicht von Hand, sondern lässt sie von einer Verschneidung konstruieren.

Eine Verschneidung nimmt eine Kante mit Höhe als Startlinie, eine Neigung und ein Ziel. Daraus berechnet sie die Böschungsfläche und findet automatisch den Punkt, an dem die Böschung das Ziel trifft. Dieses Tutorial klärt zuerst das Konzept und die Begriffe, dann die Voraussetzungen und die Neigungsangaben, und führt am Ende den vollständigen Weg zur ersten Böschung von einer Elementkante zum Bestands-DGM durch.

Schnelleinstieg

Das Tutorial muss nicht am Stück gelesen werden. Wer einen konkreten Punkt sucht, springt direkt dorthin:

Arbeitsrahmen: Ideal ist eine Zeichnung mit einem einfachen Bestands-DGM und einer kurzen Elementkante mit echten Höhen, die als Grundriss dient, etwa eine Baugrubensohle oder eine Plattformkante. Beides braucht das passende Gebiet. Die Kapitel DGM, Elementkanten und Gebiete sind die empfohlene Vorbereitung. Für die ersten Schritte reicht eine gedachte Baugrube; sie muss noch kein echtes Projekt sein.

Schritt 1 Was eine Verschneidung ist und wozu sie dient

Eine Verschneidung ist eine automatische Böschungskonstruktion von einer Kante bis zu einem Ziel. Du gibst vor, wo die Böschung startet (der Grundriss), wie steil sie ist (die Neigung) und wo sie enden soll (das Ziel). Civil 3D rechnet aus, wie weit die Böschung horizontal reicht und wo genau ihr Fuß liegt. Ändert sich die Startkante oder das Ziel-DGM, kann die Verschneidung nachgeführt werden.

Die typischen Anwendungen im Tiefbau sind immer der gleiche Gedanke, nur in verschiedene Richtungen:

  • Damm: Die Krone liegt über dem Gelände, die Böschung läuft nach unten und außen bis zum Geländeanschluss (Auftrag).
  • Einschnitt: Die Sohle liegt unter dem Gelände, die Böschung läuft nach oben und außen (Abtrag).
  • Baugrube: Eine geschlossene Sohle, von der aus die Böschung ringsum nach oben bis zum Bestand führt.
  • Erdbecken oder Mulde: Sohle und Böschungsoberkante einer Rückhaltung oder Versickerung.
Planungsniveau (Dammkrone) Grundriss = Startkante mit Höhe Böschung 1:1,5 Böschungsfuß Bestandsgelände (Ziel-DGM)

Der wichtige Gedanke: Die Verschneidung ist kein gezeichnetes Dreieck, sondern eine lebende Konstruktion. Sie kennt ihren Grundriss, ihre Neigung und ihr Ziel und kann daraus jederzeit neu rechnen. Genau das unterscheidet sie von einer einfach hingelegten Böschungslinie.


Schritt 2 Die Anatomie einer Verschneidung

Damit die folgenden Dialoge und die Fehlerbehebung verständlich bleiben, lohnt sich ein Blick auf die vier Bestandteile. Diese deutschen Begriffe verwendet auch die Civil-3D-Oberfläche:

BestandteilWas es istWarum es zählt
GrundrissDie Startkante der Böschung im Lageplan, fast immer eine Elementkante mit Höhe.Lage und Starthöhe der Böschung kommen von hier. Stimmt der Grundriss nicht, stimmt nichts.
BöschungsfußDie Linie, an der die Böschung das Ziel trifft (die Böschungsfußlinie).Sie zeigt, wie weit die Böschung reicht. Fehlt sie, hat die Böschung das Ziel nicht erreicht.
ProjektionslinienDie einzelnen Linien, die vom Grundriss zum Böschungsfuß laufen, senkrecht zur Startkante.Sie spannen die Böschungsfläche auf. An Ecken und Mulden entstehen daraus typische Probleme.
FlächeDie geneigte Böschungsfläche zwischen Grundriss und Böschungsfuß.Aus ihr entstehen später das Verschneidungs-DGM und die Volumen.
Mehrere Verschneidungen werden in einer Verschneidungsgruppe zusammengefasst. Die Gruppe verwaltet das gemeinsame Ziel-DGM, das spätere Verschneidungs-DGM und die Volumen. Eine einzelne Baugrube besteht oft aus mehreren Verschneidungen in einer Gruppe.

Schritt 3 Voraussetzungen: Grundriss, Ziel-DGM und Gebiet

Bevor die erste Verschneidung gelingt, müssen drei Dinge stimmen. Sie sind der häufigste Grund, warum es beim ersten Versuch hakt.

VoraussetzungWorauf es ankommt
Grundriss-Elementkante mit echten HöhenDie Startkante braucht echte Z-Höhen, nicht 0. Wird eine 2D-Polylinie ohne Höhenzuweisung konvertiert, liegt die Kante flach, und die Böschung startet auf dem falschen Niveau. Wie du echte Höhen setzt, steht im Elementkanten-Kapitel.
Ziel-DGM (Bestand)Für den häufigsten Fall, die Böschung zu einem DGM, braucht es ein gültiges, aktuelles Ziel-DGM, das den Bereich rund um die Böschung abdeckt. Die Grundlagen dazu stehen im DGM-Kapitel.
Richtiges Gebiet (vorher anlegen)Grundriss-Elementkante und Verschneidungsgruppe müssen im selben Gebiet liegen, sonst findet die Gruppe ihren Grundriss nicht. Das Gebiet legst du vorher im Projektbrowser unter Gebiete an; aus dem Verschneidungsfluss heraus geht das nicht. Bei mehreren Gebieten fragt Civil 3D beim Anlegen der Gruppe, welches es sein soll, bei genau einem nimmt es dieses, bei keinem legt es automatisch eines an. Mehr dazu im Gebiete-Kapitel.
Höhe der Startkante prüfen: Bevor du eine Verschneidung erstellst, kontrolliere im 3D-Orbit, ob die Grundriss-Elementkante echte Höhen hat. Liegt sie auf 0, startet die Böschung am Nullhorizont und trifft das Gelände nie oder an völlig falscher Stelle. Das ist die häufigste Ursache für eine missglückte erste Böschung.

Schritt 4 Neigung angeben: Verhältnis, Prozent und Grad

Die Neigung bestimmt, wie steil die Böschung läuft, und damit, wie weit sie horizontal reicht. Civil 3D versteht drei Schreibweisen für dieselbe Neigung. Welche Schreibweise gerade aktiv ist, macht den Unterschied: Stimmt die Einheit nicht, wird die Böschung viel zu steil oder zu flach.

Verhältnis 1:1,5 1 1,5 Prozent 67 % 1 1,5 1 ÷ 1,5 ≈ 0,67 = 67 % Grad 33,7° 33,7°
SchreibweiseBeispielLesart
Verhältnis1:1,5Auf 1 Höhe kommen 1,5 horizontale Breite. Im Tiefbau die übliche Angabe für Böschungen.
Prozent67 %Höhenänderung je horizontale Strecke. 1 geteilt durch 1,5 ergibt rund 0,67, also 67 %.
Grad33,7°Der Neigungswinkel gegen die Horizontale. Eher selten in der Eingabe, oft in der Beschriftung.

Welche Schreibweise ein Kriteriensatz erwartet, hängt von seiner Einstellung ab; wo du das umstellst, zeigt Tutorial 2. Als grobe Orientierung: Eine typische Erdböschung liegt zwischen 1:1,5 für Auftrag (Damm) und etwa 1:2 für Abtrag (Einschnitt), je nach Bodenmaterial. Ein flacherer Wert wie 1:3 ergibt eine breite, flache Böschung, ein steilerer wie 1:1 eine schmale, steile.

Je steiler die Böschung, desto schmaler ihre Böschungsbreite; je flacher, desto breiter. Das ist der direkte Grund, warum eine zu flache Böschung das Ziel-DGM manchmal gar nicht erreicht: Sie läuft horizontal weiter, als das Gelände reicht. Im Böschungs-Explainer lässt sich dieser Zusammenhang live durchspielen.

Schritt 5 Die erste Böschung erstellen mit DGM als Ziel

Jetzt der vollständige Weg. Das Ziel ist eine einfache Böschung von einer Grundriss-Elementkante bis zum Bestands-DGM, der mit Abstand häufigste Fall. Die Werkzeuge dafür liegen in der Werkzeugleiste Verschneidungswerkzeuge. Eine Sache vorab: Das Gebiet, in dem die Gruppe entstehen soll, legst du vorher im Projektbrowser an, denn aus dem Verschneidungsfluss heraus lässt sich kein neues Gebiet erstellen.

  1. Verschneidungswerkzeuge öffnen: Registerkarte Start, im Aufklappmenü Verschneidung erstellen den Eintrag Verschneidungswerkzeuge. Je nach Civil-3D-Version heißt die Menübandgruppe etwas anders; der Aufklapper für Verschneidungen ist auf der Registerkarte Start zu finden. Es öffnet sich die schmale Werkzeugleiste mit allen Verschneidungsbefehlen.
    Screenshot anzeigen
    Menüband Civil 3D, Registerkarte Start, Aufklappmenü Verschneidung erstellen mit dem Eintrag Verschneidungswerkzeuge, daneben die geöffnete Werkzeugleiste
  2. Verschneidungsgruppe einrichten starten: In der Werkzeugleiste klickst du das erste Werkzeug, dessen Tooltip sinngemäß Richten Sie die Verschneidungsgruppe ein lautet. Was danach kommt, hängt von der Zahl der Gebiete ab. Sind mehrere Gebiete vorhanden, erscheint zuerst ein Auswahldialog (je nach Version Verschneidungsgruppe wählen), in dem du über ein Gebiet-Dropdown das Gebiet festlegst, in dem auch die Grundriss-Elementkante liegt. Gibt es genau ein Gebiet, wird es ohne Rückfrage genommen. Gibt es noch keins, legt Civil 3D automatisch eines an, meist mit dem Vorgabenamen Gebiet 1, ohne Fehlermeldung. Ein neues Gebiet lässt sich hier nicht anlegen.
    Screenshot anzeigen (nur bei mehreren Gebieten)
    Auswahldialog zur Wahl des Gebiets für die neue Verschneidungsgruppe, erscheint nur wenn mehrere Gebiete vorhanden sind
  3. Verschneidungsgruppe benennen: Jetzt öffnet sich der Dialog Verschneidungsgruppe erstellen. Hier vergibst du nur den Namen, etwa Baugrube-West, und optional eine Beschreibung. Ein Gebiet-Feld gibt es in diesem Dialog nicht, das Gebiet steht ja schon fest. Willst du das Verschneidungs-DGM gleich mitführen, hakst du DGM automatisch erstellen an. Wer es erst später braucht, lässt den Haken weg und spart sich den nächsten Dialog.
    Screenshot anzeigen
    Dialog Verschneidungsgruppe erstellen mit dem Namensfeld und der Option DGM automatisch erstellen, ohne Gebiet-Feld
  4. DGM erstellen bestätigen: Sobald DGM automatisch erstellen aktiv ist, schiebt Civil 3D den Dialog DGM erstellen dazwischen. Er fragt Name, Stil, Ebene und Beschreibung des neuen Verschneidungs-DGM ab, wie beim normalen DGM-Anlegen. Für den Anfang bestätigst du die Vorgaben mit OK; Stil und Volumen justierst du in Tutorial 3. Ohne den Haken aus dem vorigen Schritt entfällt dieser Dialog.
    Screenshot anzeigen
    Dialog DGM erstellen mit Feldern für Name, Stil, Ebene und Beschreibung des Verschneidungs-DGM
  5. Ziel-DGM wählen: Der Befehl Ziel-DGM wählen weist der Gruppe das Bestands-DGM als Anschlussfläche zu. Genau dort soll die Böschung später an das Gelände anschließen. Liegt kein Ziel-DGM fest, kann eine Böschung zu DGM nicht funktionieren.
    Screenshot anzeigen
    Dialog zur Auswahl des Ziel-DGM für die Verschneidungsgruppe mit der Liste der vorhandenen Oberflächen
  6. Kriteriensatz auswählen: Über Kriteriensatz auswählen bestimmst du, nach welchen Regeln die Böschung läuft. Für unseren Fall wählst du einen Satz, der zu einem DGM verschneidet, häufig sinngemäß als Böschung zu DGM benannt. Welche Sätze zur Auswahl stehen, hängt von der Vorlage und dem Country-Kit ab. Wie du Neigung und Zieltyp im Satz änderst, zeigt Tutorial 2.
    Screenshot anzeigen
    Dialog Kriteriensatz auswählen mit der Liste der verfügbaren Verschneidungskriteriensätze
  7. Verschneidung erstellen und Grundriss wählen: Jetzt auf Verschneidung erstellen. Civil 3D fragt nach der Grundriss-Elementkante. Du klickst die Startkante an, etwa die Sohlkante der Baugrube. Anschließend bestimmst du die Seite, auf der die Böschung liegen soll, indem du in die gewünschte Richtung klickst (bei einer Baugrube nach außen zum Gelände).
    Screenshot anzeigen
    Zeichenbereich mit ausgewählter Grundriss-Elementkante und der Abfrage der Böschungsseite in der Befehlszeile
  8. Neigung bestätigen: Die Befehlszeile fragt nach der Neigung, falls der Kriteriensatz dich danach fragt. Du gibst den Wert in der Einheit ein, die der Satz erwartet, etwa 1.5 für 1:1,5. Civil 3D zieht daraufhin Projektionslinien zum Ziel-DGM und setzt den Böschungsfuß dort, wo die Böschung das Gelände trifft.
    Screenshot anzeigen
    Befehlszeile mit der Abfrage der Böschungsneigung und der entstehenden Böschung mit Böschungsfuß im Zeichenbereich
  9. Ergebnis kontrollieren: Du beendest den Befehl. Im Lageplan siehst du die Projektionslinien und den Böschungsfuß. Du kontrollierst, ob der Fuß rundum geschlossen ist, ob keine Seite offen abbricht und ob die Böschungsbreite plausibel wirkt. Ein Blick in den 3D-Orbit oder den 3D Model Viewer zeigt die Böschung räumlich. Bei einer geschlossenen Baugrube bleibt die flache Sohle dabei noch offen, also ein Loch; sie wird in Tutorial 3 mit dem Werkzeug Füllfläche erstellen geschlossen, sonst fehlt sie im DGM und das Volumen stimmt nicht.
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    Fertige Verschneidung im Lageplan mit Projektionslinien und geschlossenem Böschungsfuß, daneben eine 3D-Kontrolle der Böschung
Wenn der Böschungsfuß fehlt: Bricht die Böschung auf einer Seite ab oder fehlt der Fuß ganz, hat sie das Ziel-DGM nicht erreicht. Häufig ist die Neigung zu flach für die Höhendifferenz, das Ziel-DGM zu klein, oder die Suchrichtung passt nicht. Die Fehlerbehebung behandelt den Fall, dass die Böschung das Gelände nicht trifft, ausführlich.
Versionshinweis: Der hier gezeigte Weg gilt versionsübergreifend und ist seit vielen Versionen stabil. Zwei neuere Helfer ergänzen ihn: Der 3D Model Viewer (ab Civil 3D 2026) gibt eine schnelle räumliche Kontrolle der frischen Böschung. Und weil der Grundriss eine Elementkante ist, helfen die direkten Griff-Funktionen der Elementkante (ab 2026.1/2026.2), die Startkante schnell anzupassen. Beides ist Komfort, nicht Pflicht; ohne diese Versionen erreichst du dasselbe Ergebnis.
Checkpoint: Du verstehst die Verschneidung als automatische Böschung von einer Kante zu einem Ziel und kennst ihre vier Bestandteile Grundriss, Böschungsfuß, Projektionslinien und Fläche. Deine Übungsböschung läuft von einer Elementkante mit echten Höhen zum Bestands-DGM, der Böschungsfuß ist rundum geschlossen und die Neigung ist in der richtigen Einheit gesetzt. Als Nächstes geht es um die vier Zieltypen, getrennte Neigungen und Übergänge zwischen Böschungen.