Merkmale vor dem ersten Bauteil
Welche Merkmale braucht ein Schacht, und wer entscheidet das?
Themenfeld 4 · Das Modell, das Information trägt · Lesezeit 6 Minuten
Ein Modell besteht aus Geometrie und aus der Information, die an dieser Geometrie hängt. Um den zweiten Teil geht es hier, um das Merkmalskonzept (in Ausschreibungen teils noch Attributkonzept). Welche Angabe muss an welchem Bauteil stehen, wann muss sie feststehen, und wer legt das fest? Beantworten lässt sich das alles, bevor das erste Bauteil entsteht.
Was gemeint ist
Ein Merkmal ist eine benannte Eigenschaft, die als Wert am Bauteil hängt und nicht daneben im Plan. BIM Deutschland formuliert das für sein BIM-Portal knapp. Ein Merkmal bezeichnet dort eine Eigenschaft eines Datenelements, und zur besseren Organisation lassen sich Merkmale in Gruppen strukturieren.1 Die Gruppe hat einen eigenen Namen, im Austauschformat IFC Eigenschaftssatz, in den deutschen Regelwerken Merkmalsgruppe.
Der Unterschied zu einer Beschriftung im Plan wird bei der Auswertung sichtbar. Ein loses Textfeld neben dem Schacht ist ein eigenes Objekt und kennt den Schacht nicht. Ein Merkmal dagegen lässt sich filtern und zählen, eine Beschriftung nur lesen.
Wie viel Information ein Bauteil tragen muss, beantwortet die Informationsbedarfstiefe. Sie setzt vier Angaben voraus, nämlich welches Objekt zu welchem Zeitpunkt für welchen Zweck und von welchem Akteur Information braucht.2
Dazu kommen drei Teile, geometrische Information, alphanumerische Information und Dokumentation, also Geometrie, Merkmale und Unterlagen. Die LOD-Zahl ist damit nicht verschwunden; das Rahmendokument empfiehlt sie als Abstufung der Geometrie, die Norm legt sie nicht fest, und die Merkmalsliste muss eigens gefordert werden.
Die Norm dazu hat eine neue Nummer. Ältere Anforderungen nennen noch DIN EN 17412-1:2021-06; die Ausgabe ist zurückgezogen,3 ihr Gegenstand heißt heute in überarbeiteter Fassung DIN EN ISO 7817-1:2024-11.
Die Informationsbedarfstiefe hat noch einen Zweck, der für ein kleines Büro schwer wiegt. Die Informationsbedarfstiefe soll Fehlinformationen minimieren, Redundanzen reduzieren und die Information auf das geforderte Maß beschränken.2 Merkmale, die niemand bestellt hat, pflegt später trotzdem jemand.
Was das für dein Büro heißt
Bleiben wir beim gedachten Beispiel, der Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit Mischwasserkanal, geplant von einem Büro mit acht Leuten. Was der Auftraggeber an Information erwartet, steht in den Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA), in unserem Vergabeordner die Anlage 7.
In unserem Vergabeordner sind die Anwendungsfälle 010, 050 und 080 angekreuzt, Nummern aus der Liste von BIM Deutschland; sie stehen für Bestandserfassung und -modellierung, Koordination der Fachgewerke und Ableitung von Planunterlagen.4 Die Informationsbedarfstiefe führt unsere Anlage 7 dagegen nur als Zahl je Leistungsphase, eine Merkmalsliste fehlt.
Damit ist die Anforderung unvollständig, weil eine Zahl nicht sagt, welche Angabe am Schacht hängt. Vor dem Angebot ist das eine Bieterfrage, deren Textbaustein auf der Seite „Die dünne AIA“ in Themenfeld 2 steht, nach dem Auftrag eine Nachforderung.
Ein Schacht, an dem sich das nachlesen lässt
Im BIM-Portal des Bundes liegt der Musterdatensatz „Schacht: LPH 3″ bereit.5
Sein Geometrieteil hat sechs Felder, LOD 200 ist eines davon. Daneben steht die Merkmalsseite mit 22 Merkmalen in fünf Gruppen, darunter Material, Bauabschnitt, StationierungVon und StationierungBis.5 Zwei davon heißen LOG und LOI, die Kürzel für Geometrie- und Informationsgrad; die Stufenzahl hängt damit auch als Merkmal am Bauteil.
Der Datensatz beantwortet alle vier Angaben von oben. Objekt ist der Schacht, Zeitpunkt die Leistungsphase 3, Zweck sind Anwendungsfälle, darunter die 050 und die 080, Akteur der Fachplaner, bei uns der Kollege am Kanal.
| Rahmenfrage | Im Klartext | Was passiert, wenn sie fehlt |
|---|---|---|
| Objekt | Welches Bauteil ist gemeint, und wo steht es in der Gliederung? | Die Anforderung gilt scheinbar für alles und wird für nichts geprüft |
| Zeitpunkt | Zu welcher Lieferung, also zu welcher Leistungsphase? | Ein später Stand wird zu früh verlangt oder zu spät geliefert |
| Zweck | Für welchen Anwendungsfall wird die Information gebraucht? | Es fehlt das Maß dafür, was genug ist |
| Akteur | Wer liefert die Angabe, und wer nimmt sie ab? | Jeder nimmt an, der andere mache es |
Rahmenfragen nach dem Rahmendokument,2 die rechte Spalte ist eine Einschätzung.
Die Reihenfolge, die im Regelwerk steht
Das Begleitdokument zum Objektkatalog beschreibt den Ablauf. Die Anforderungen werden im Anhang zur AIA definiert, danach in der Autorensoftware als Felder angelegt, und erst dann trägt der Planer die Werte ein.6 Korrigiert wird in diesem Ablauf in der Autorensoftware, geprüft an der Austauschdatei.6
Welche Merkmale gefordert sind, folgt aus der Klassifizierung. Objektgruppe, Objektklasse und Objekttyp, die drei Katalogebenen, gelten im Objektkatalog als Schlüsselmerkmale, weil sich aus ihnen der Informationsgehalt ableitet. Dasselbe gilt für den Baustoff: Ein Bauteil aus Stahlbeton bekommt zusätzlich Betonfestigkeit, Expositionsklasse, Feuchtigkeitsklasse und Betonstahlgehalt, eines aus Stahl die Stahlsorte, weil der Katalog Merkmale vom Wert anderer Merkmale abhängig macht.7
Wer erst modelliert und dann klassifiziert, kann die Merkmalsliste nicht kennen. Ob Schachtunterteil, Konus und Abdeckung eigene Bauteile sind, richtet sich nach Anwendungsfall und Bauausführung, wie die Seite „Fachmodelle abgrenzen“ dieses Themenfelds zeigt.
Wann die Prüfung scharf wird
In frühen Phasen liegt der Fokus der Modellprüfung in der Regel auf der Geometrie, die Merkmalsprüfung kommt später.2 Bei uns wird sie zur DÜP 4 scharf, dem vierten Datenübergabepunkt in unserem Lieferplan, beim Koordinationsmodell mit Prüfbericht am Ende der Leistungsphase 3; abgenommen wird das Koordinationsmodell vom Tiefbauamt als BIM-Management.
Das Portal gibt die Anforderung für jeden öffentlichen Datensatz als Prüfdatei aus, ohne Anmeldung. Sie prüft die Merkmalsseite und die geforderte IFC-Klasse; die Geometrieangaben stehen nicht darin.8 Ein Schacht ohne die drei Klassifizierungsmerkmale taucht deshalb in der Prüfung nicht auf, weil die Regel ihn gar nicht erst erfasst; ein Bericht ohne Befund sagt dann nur, dass ihn niemand gefunden hat.
Die Katalogebenen und den Aufbau der Prüfregel erklärt die Seite „Merkmale aus dem Katalog“.
Woran du es prüfst
Vier Fragen lassen sich klären, solange noch kein Bauteil im Modell liegt. Sie ersetzen keine Anforderung und zeigen, ob in deinen Unterlagen eine fehlt.
- Welche Anwendungsfälle sind vereinbart? Ohne sie bleibt offen, wie fein du die Bauteile unterteilst und wofür die Merkmale gebraucht werden.
- Liegt eine benannte Merkmalsliste je Objekt und Leistungsphase vor, oder nur eine Zahl? Fehlt die Liste, stellst du vor dem Angebot eine Bieterfrage und danach eine Nachforderung.
- Steht fest, wie klassifiziert wird? Aus Objektgruppe, Objektklasse und Objekttyp folgen die weiteren Anforderungen; die Prüfregel des Portals erkennt ein Bauteil nur an ihnen.
- Sind die Felder im Programm angelegt, bevor die ersten Bauteile entstehen? Sonst trägst du Werte in Felder ein, die es noch nicht gibt, und legst sie später am ganzen Modell nach.
Alle vier Antworten gehören in das Kapitel Modellstruktur und Modellinhalte deines Abwicklungsplans. Woher die Liste kommt, steht in deinem Vertrag: Die AIA legt sie fest, meist als LOIN-Anhang, also als Anhang mit der Informationsbedarfstiefe,7 und der BIM-Abwicklungsplan (BAP) sagt, wie dein Büro sie einlöst.
Wie so ein Abwicklungsplan mit seinen neun Kapiteln im kleinen Büro entsteht, steht auf der Seite „Der BAP im kleinen Büro“ in Themenfeld 2. Welche Kataloge und Merkmale für den kommunalen Tiefbau abrufbar sind, hält das Datenblatt Kataloge und Merkmale dieses Themenfelds.
Fundstellen geprüft am 06.08.2026, die Normstände am 31.07.2026, der Datensatz erneut am 11.09.2026. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.
- ↩ BIM Deutschland, Dokumentation der Schnittstelle des BIM-Portals des Bundes, Datei README, Abruf 06.08.2026, Datenlizenz Deutschland Zero 2.0.
- ↩ Rahmendokument „Definition der Fachmodelle“, BMVI, Stand Oktober 2021, Abschnitt 4 zu Rahmen, Teilen und Zweck, Abschnitt 5 zur Prüffolge.
- ↩ DIN-Katalogseiten zu DIN EN 17412-1:2021-06, dort als zurückgezogen geführt, und zu DIN EN ISO 7817-1:2024-11, geprüft 31.07.2026.
- ↩ BIM Deutschland, Standard-Anwendungsfälle, Version 2.1 vom 15.02.2022: Klarnamen der Nummern 010, 050 und 080.
- ↩ BIM-Portal des Bundes, Musterdatensatz „Schacht: LPH 3″ der Organisation „Demonstrator FM Verkehrsanlage“, eigener Abruf 06.08.2026.
- ↩ Begleitdokument „Best Practice zum Objektkatalog BIM Bundesfernstraßen der Autobahn GmbH und der DEGES“, BMDV, Mai 2024, Abschnitte 2 und 2.1.
- ↩ Rahmendokument „Objektkatalog BIM Bundesfernstraßen“, BMDV, Stand Januar 2024, Abschnitte 3 und 4: Schlüsselmerkmale, Abhängigkeiten vom Baustoff, LOIN-Anhang.
- ↩ Maschinenlesbare Ausgabe desselben Datensatzes über den öffentlichen Endpunkt des Portals, eigener Abruf 06.08.2026, Geometrieangaben ohne Treffer.
