BIM | Ist BIM Pflicht?

Ist BIM Pflicht?

Müssen wir das jetzt, oder ist das freiwillig?

Themenfeld 1 · Zuerst verstehen · Lesezeit 6 Minuten

In der Leistungsbeschreibung einer Ausschreibung stehen ein paar Zeilen zu BIM, und am Nachbartisch fällt der Satz, das sei doch längst Pflicht. Die Frage hat handfeste Folgen, denn an der Antwort hängt, ob wir eine geschuldete Leistung kalkulieren oder eine freiwillige Zugabe. Sehen wir also nach, wo eine Pflicht überhaupt entsteht und wen sie erreicht.


Was gemeint ist

Verbindlichkeit entsteht nicht von allein, sie läuft über eine Kette aus vier Stationen. Jede Station hat einen anderen Adressatenkreis, und deshalb kann derselbe Satz aus der Fachpresse für den einen Auftraggeber bindend sein und für den anderen bedeutungslos.

Am Anfang steht das Rundschreiben. Ein Allgemeines Rundschreiben Straßenbau ist eine Weisung des Bundesministeriums an einen benannten Kreis, und es wirkt unmittelbar dort, wo der Bund selbst zuständig ist. Im Bundesfernstraßenbau beginnt mit dem der BIM-Regelprozess, also der festgelegte Ablauf, nach dem der Bund seine Straßenprojekte künftig mit Modell abwickelt, mit einem Übergangszeitraum ohne Enddatum.1

Die zweite Station ist der Einführungserlass. Überall sonst wirkt das Rundschreiben erst, wenn ein Land es für seine eigene Straßenbauverwaltung in Kraft setzt. Danach wandert die Anforderung in die Vergabeunterlagen eines konkreten Projekts, und erst mit dem Vertrag steht sie zwischen Auftraggeber und Büro.

Für ein kommunales Projekt fehlt die erste Station. Kommunale Straßen, Kanäle und Erschließungsanlagen sind Selbstverwaltungsangelegenheit der Kommunen, und ein Rundschreiben an die Obersten Straßenbaubehörden erreicht sie nicht. Diese Grenze folgt aus der Zuständigkeitsordnung. Für eine Kommune beginnt die Kette deshalb bei den Vergabeunterlagen.

ARS Nr. 05/2026 Rundschreiben des Bundes Einführungserlass des Landes Vergabeunterlagen des Auftraggebers Vertrag hier wird es verbindlich Das Rundschreiben erreicht die Kommune nicht. Kommune Straßen und Kanäle Verbindlich wird BIM hier nur über Vergabeunterlagen und Vertrag. Das Rundschreiben nennt keinen Euro-Betrag und kein Enddatum.
Der Bruch ist grau gezeichnet, weil hier kein Fehler vorliegt: Das Rundschreiben erreicht die Kommune schlicht nicht.

Die praktische Frage im Büro lautet deshalb selten „müssen wir“, sondern „was genau ist verlangt, und was kostet es“, weil sich nur die zweite Frage aus den Unterlagen beantworten lässt.


Was das für dein Büro heißt

Nehmen wir das gedachte Beispiel, eine Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit Mischwasserkanal, ausgeschrieben von der Gemeinde unterhalb der EU-Schwellenwerte. Ein Rechtsakt, der Kommunen allgemein zur Anwendung von BIM verpflichtet, war am 31.07.2026 nicht auffindbar,2 und das Rundschreiben des Bundes erreicht diese Vergabestelle ohnehin nicht.1

Für das Angebot zählt deshalb allein unser Vergabeordner. Er enthält die Leistungsbeschreibung, die (AIA), bei uns die Anlage 7, und das Preisformblatt. Diese drei Papiere entscheiden, was wir schulden und was wir dafür ansetzen dürfen.

Was bei welchem Auftraggeber gilt

Wonach du in den Unterlagen suchst, hängt am Auftraggeber. Bei einem Auftraggeber mit eigenem Regelwerk liegt die Anforderung schon fest, bevor die Ausschreibung geschrieben wird; bei einer Gemeinde entsteht sie mit der Ausschreibung selbst.

AuftraggeberWas dort giltWoran du es festmachst
Autobahn GmbH des BundesRegelprozess nach dem Rundschreiben, das Ministerium hat es dort selbst eingeführtAnwendungsfälle, Datenumgebung und Informationsanforderungen stehen schon in den Vergabeunterlagen
Bundesstraße in Auftragsverwaltung des LandesDas Rundschreiben wirkt erst, wenn das Land es mit einem Einführungserlass übernimmt; die Länder werden nur darum gebeten1Ein veröffentlichter Erlass war nicht auffindbar, die Oberste Straßenbaubehörde des Landes gibt Auskunft, denn das Ministerium hat sich eine Kopie erbeten
Landesstraßeeigenes Regelwerk des Landes, das Rundschreiben gilt hier nichtStichtage und Fundstellen führt das Datenblatt Auftraggeber dieses Themenfelds
Bahn, DB InfraGOPersonenbahnhöfe: eigenes Regelwerk, für alle Projekte des Geschäftsbereichs vorgeschrieben;3 Fahrweg: Vorgaben über die VergabeunterlagenFür eine Gemeindestraße wird das wichtig, wenn sie die Bahn kreuzt und eine Kreuzungsvereinbarung nötig wird; für den Bahnanteil gelten dann die Vorgaben des Fahrwegs
Gemeinde (unser Beispiel)keine allgemeine Pflicht, die Kette beginnt bei den VergabeunterlagenLeistungsbeschreibung, AIA und Preisformblatt, siehe unten

Die letzte Zeile ist unser Beispiel; Fundstellen je Auftraggeber führt das Datenblatt Auftraggeber dieses Themenfelds.

Der Druck ist trotzdem real, er kommt nur nicht aus einem Gesetz. Er läuft von oben durch diese Kette und über Auftraggeber, die Muster von Bund und Ländern in ihre eigenen Unterlagen übernehmen. So ist es auch bei uns gelaufen, denn unsere Anlage mit den Informationsanforderungen ist übernommen und nicht für dieses Projekt geschrieben worden.

Was mit dem Angebot verbindlich wird

Bindend wird für uns, was wir anbieten und was mit dem Zuschlag zum Vertrag wird. Unsere Leistungsbeschreibung fordert die 010, 050 und 080, Nummern aus der Liste von BIM Deutschland; sie stehen für Bestandserfassung und -modellierung, Koordination der Fachgewerke und Ableitung von Planunterlagen.4 Zusammen mit der AIA legen sie fest, was wir anbieten; mit dem Zuschlag wird daraus unser Leistungssoll.

Hinzu kommt der vorläufige , den unsere Gemeinde mit dem Angebot verlangt. Er beschreibt, wie wir die geforderte Leistung erbringen; was darin steht, bindet uns mit dem Angebot und wird mit dem Zuschlag Vertragsinhalt. Die knappe Angebotsfrist gilt also auch für dieses Papier, nicht nur für den Preis.

Freiwillig ist an dieser Stelle höchstens die Entscheidung, ob wir uns bewerben. Sobald das Angebot draußen ist, hängt die BIM-Leistung an unserer eigenen Zusage; wie wir die Rechtslage einschätzen, ändert daran nichts mehr. Deshalb lohnt sich das gründliche Lesen der Unterlagen mehr als jede weitere Diskussion darüber, ob es eine Pflicht gibt.

Im Bundesfernstraßenbau gibt es keinen Schwellenwert nach Bausumme, im Volltext des Rundschreibens steht kein Euro-Betrag.1 Die belegten Euro-Beträge stammen aus dem Bundesbau und meinen Gebäude, deshalb lassen sie sich auf eine Straße nicht übertragen.5 Wer so einen Betrag im Vortrag hört, fragt am besten nach, worauf er sich bezieht.

Woran du es erkennst

Ob BIM für ein Projekt verbindlich ist, steht nicht im Gesetzblatt, sondern an drei Stellen in deinem Vergabeordner. Alle drei findest du am Tag des Downloads, und zusammen sagen sie dir, wie ernst die Forderung gemeint ist.

  • Deine Leistungsbeschreibung sagt, ob BIM zum Auftragsgegenstand gehört. Nennt sie Anwendungsfälle mit Nummer und Namen, ist die Leistung benannt und du kannst sie zuordnen; bleibt es bei einem allgemeinen Satz zur BIM-Methode, weißt du noch nicht, was du schuldest.
  • Die AIA sagt, wie viel Arbeit darin steckt. Steht dort je Liefergegenstand, welche Merkmale und welches Format verlangt sind, lässt sich die Menge kalkulieren; fehlt das, bleibt der Aufwand eine Schätzung, die du im Angebot verantwortest.
  • Das Preisformblatt sagt, ob die Leistung eigens ausgewiesen wird. Gliedert es die BIM-Leistung auf, kannst du sie sauber ansetzen; steht dort nur eine Sammelzeile, wandert dein Aufwand still in die anderen Positionen.

Bleibt eine der drei Stellen leer, gehört das vor dem Angebot als Bieterfrage geklärt, weil sich der Aufwand sonst nicht kalkulieren lässt. Wie du die Formen im Vergabe-PDF auseinanderhältst, steht auf der Seite „Das Vergabe-PDF lesen“ dieses Themenfelds; wie du eine dicke AIA in einem Vormittag durchgehst, auf der Seite „AIA lesen in neunzig Minuten“ in Themenfeld 2.

Wer noch unsicher ist, ob ihn das im eigenen Projekt betrifft, kommt in zwei Minuten mit dem Selbstcheck auf der Übersicht BIM weiter.

Quellen

Fundstellen geprüft am 31.07.2026 und 08.09.2026. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.

  1. ↩ Allgemeines Rundschreiben Straßenbau Nr. 05/2026 „Building Information Modeling (BIM) im Bundesfernstraßenbau“, Bundesministerium für Verkehr, VkBl. 2026 S. 346, zu Adressaten, Einführung und Volltext.
  2. ↩ Suche nach einem Rechtsakt mit allgemeiner BIM-Pflicht für Kommunen: BIM Deutschland, Leitfäden Baden-Württembergs und Bayerns, Handlungsempfehlung Nordrhein-Westfalens. Dort ohne Treffer am 31.07.2026 und 08.09.2026.
  3. ↩ „Vorgaben zur Anwendung der BIM-Methodik“, DB InfraGO, Dokumentkennung LP05-06-V01, zur Verbindlichkeit bei den Personenbahnhöfen. Fassungsstände im Datenblatt Auftraggeber.
  4. ↩ „Standard-Anwendungsfälle“, BIM Deutschland, Version 2.1 vom 15.02.2022 (Datei V2.0), auch harmonisierte Liste genannt, zu den Nummern 010, 050 und 080.
  5. ↩ Masterplan BIM für Bundesbauten, BMI und BMVg, Stand September 2021, veröffentlicht November 2021: Bagatellgrenze und Level-Grenze nach Projektvolumen, für Gebäude und nicht für Straßen.
Stand 09/2026