BIM | AIA lesen in neunzig Minuten

AIA lesen in neunzig Minuten

Die AIA hat viele Seiten. Was davon muss ich wirklich lesen?

Themenfeld 2 · Anbieten und zusagen · Lesezeit 6 Minuten

Zu den Vergabeunterlagen gehört oft eine eigene Anlage, die beschreibt, welche Information der Auftraggeber am Ende bekommen will. Beim ersten Blättern weiß niemand, ob daraus zwei Stunden oder zwei Wochen Arbeit werden, und überspringen lässt sie sich nicht, weil daraus der Preis entsteht. Fünf Stellen entscheiden über die Arbeitsmenge, der Rest wird quergelesen.


Was gemeint ist

Die Anlage heißt , kurz AIA, und beschreibt, welche Information der Auftraggeber wozu braucht. Wie das Büro diese Information erzeugt, steht im Abwicklungsplan. In der Norm liegt die AIA im Ausschreibungsschritt und gehört zu den Vergabeunterlagen, sobald sie beiliegt.1

Wird sie in den Vertrag einbezogen, ist eine Anpassung grundsätzlich eine Vertragsänderung,2 und was hier übersehen wird, ist nach dem Zuschlag trotzdem geschuldet.

Die deutschen Muster ähneln sich, weil ihre Gliederung aus demselben Leitfaden stammt,3 deshalb weiß man, an welchen fünf Stellen die Arbeitsmenge steht. Sie hängen zusammen: Aus dem Anwendungsfall folgt der Liefergegenstand mit Format und Zeitpunkt, und wie tief jedes Bauteil beschrieben sein muss, sagt die Informationsbedarfstiefe.2

  • Die Anwendungsfälle. Ein Anwendungsfall ist der vereinbarte Zweck des Modells; ohne ihn lässt sich kein Preis bilden, und was eine Nummer bedeutet, sagt die Seite „Das Vergabe-PDF lesen“ in Themenfeld 1.
  • Die Liefergegenstände. Eine lässt sich erst rechnen, wenn Format und Zeitpunkt danebenstehen, weil eine Austauschdatei anders kostet als eine Zeichnung.
  • Die . Dort zählst du die Merkmale je Bauteiltyp ab, ihre Zahl prägt den Preis; eine Stufenzahl ohne Merkmalsliste taugt nicht.4
  • Die . Das ist die vereinbarte Ablage, über die alle Beteiligten Informationen austauschen; steht nicht dabei, wer sie stellt, steckt im Angebot womöglich eine Plattform samt Lizenzen und Einrichtung, die niemand ausgeschrieben hat.
  • Die Anlagenkette und die Musterhinweise. Ein Anlagenverzeichnis zieht Leitfäden, Objektkataloge und Prüflisten mit eigener Fassung herein,5 farbig hinterlegte Stellen zeigen ein unbereinigtes Muster.

Was das für dein Büro heißt

Nehmen wir das gedachte Beispiel einer Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit Mischwasserkanal, geplant von einem Büro mit acht Leuten. In unserem Vergabeordner steckt die AIA als Anlage 7, vierzig Seiten stark und aus dem Landesmuster übernommen. An den fünf Stellen sieht das so aus.

Die fünf StellenWas in unserer Anlage 7 stehtWas daraus für die Arbeitsmenge folgt
AnwendungsfälleDrei Nummern angekreuzt, keine davon für diese Maßnahme ausformuliertDer Zweck steht fest, das geschuldete Ergebnis nicht
LiefergegenständeEine Aufzählung, bei der die Angabe zum Dateiformat fehltOhne Format bleibt offen, wie viel Arbeit je Übergabe entsteht
InformationsbedarfstiefeEine Stufenzahl je LeistungsphaseNichts zum Abzählen, der Preis beruht auf einer Annahme
Gemeinsame Datenumgebung„Wird gestellt“, ohne Angabe, von welcher SeiteSolange offen ist, wer sie stellt, könnte die Bereitstellung bei uns liegen
Anlagenkette und MusterhinweiseOrange Hinweise des Landesmusters stehen noch im TextUnklar, welche Textteile für diesen Auftrag gelten sollen

Die mittlere Spalte beschreibt unser Beispielprojekt, die linke die Stellen aus den Mustern.

Bei den orangen Stellen lohnt der zweite Blick. Das Rahmendokument des Bundes beschreibt seine eigenen Hinweise als orange markiert und verlangt, sie in der projektspezifischen Fassung zu entfernen.6 Stehen sie noch drin, ist unklar, was davon gelten soll, und die Frage geht an die Vergabestelle.

Dasselbe gilt für das Anlagenverzeichnis, denn was dort mitgilt, gehört zum Vertragssoll, auch wenn es uns noch gar nicht vorliegt. Häufig fehlt außerdem der Überblick über die Anwendungsfälle, die der Auftraggeber selbst oder ein anderes Büro erbringt; das Rahmendokument nennt ihn als Angabe, die für das Angebot wichtig sein kann.2 Ohne ihn wissen wir nicht, auf wessen Ergebnis wir warten müssen.

Dass wir eine fremde AIA bewerten, ist selbst schon eine Aufgabe des Auftragnehmers. Die Richtlinie VDI 2552 Blatt 10 nennt im Anwendungsbereich ausdrücklich, dass Lücken und Überspezifizierung erkannt und der Aufwand daraus abgeschätzt werden sollen.7 Die Richtlinie ist keine Rechtspflicht, sie ordnet die Bewertung aber dem Auftragnehmer zu, und für uns heißt das, der Vormittag mit der Anlage gehört zur Angebotsarbeit.

Wo die Arbeitsmenge steht

Am meisten hängt an der dritten Stelle. Ein Anhang zur Informationsbedarfstiefe listet je Bauteil die geforderten Merkmale auf, und die lassen sich abzählen; die geometrische Stufe steht dabei oft nur einmal zentral für das ganze Bauwerk.4

Wer nur auf die Bauteilzeile schaut, hält die Geometrieanforderung deshalb leicht für nicht gestellt. Unsere Anlage 7 nennt ohnehin nur eine Zahl je Leistungsphase, ohne Merkmalsliste daneben, und damit gibt es nichts abzuzählen. Die Frage nach der Liste geht mit den anderen zusammen an die Vergabestelle.

Beruft sich eine AIA auf den Regelprozess des Bundes, kommt eine zweite Größe dazu, die Ausprägungstiefe. Das Rahmendokument des Bundes beschreibt jeden Anwendungsfall in einem Steckbrief mit Umsetzungsdetails, und beides ist in zwei Stufen geschrieben.8

Ausprägungstiefe I geht von einem einfachen Stand an Digitalisierung und Standardisierung aus. Ausprägungstiefe II setzt eingeführte Standards und Werkzeuge mit höheren Anforderungen voraus; was sie zusätzlich verlangt, steht dort als markierte Ergänzung. Derselbe Anwendungsfall kann also in zwei Umfängen bestellt sein, und die zweite Stufe rechnet mit einem Büro, das beides schon hat. Fehlt es, steckt im Angebot eine Anschaffung.

Welche der beiden Stufen gilt, legt der Auftraggeber in der AIA fest; die Beschreibung selbst lässt es offen.8 Steht es nirgends, fragen wir danach, bevor wir einen Preis bilden.


Woran du es prüfst

Deine AIA liest du nicht von vorne nach hinten, sondern nach der Aufwandswirkung; die acht Schritte unten decken mehr ab als die fünf Stellen, weil auch Grundlagen, Rollen und Normen Arbeitszeit kosten. Wer bei Geltungsbereich und Projektsteckbrief anfängt, hat nach einer halben Stunde keine Zeit mehr für den Anhang, in dem die Arbeitsmenge steht. In neunzig Minuten kommst du zu einer belastbaren Liste offener Punkte, die Kalkulation kommt danach.

  1. Fünf Minuten gehören Deckblatt, Revisionsstand und Dokumentenstruktur, damit du weißt, welche Anlagen mitgelten und welche dir noch fehlen.
  2. Zehn Minuten nimmst du dir für die Anwendungsfälle, denn dort steht, was angekreuzt ist und wer es schuldet.
  3. Liefergegenstände und Termine kosten weitere zehn Minuten, weil die Zahl der Übergaben direkt in den Preis eingeht.
  4. Zwanzig Minuten verlangt die Informationsbedarfstiefe samt Anhang, wo du die Merkmale je Bauteiltyp abzählst und mit deinem Bürostandard vergleichst.
  5. Die bereitgestellten Grundlagen liest du in zehn Minuten, damit klar ist, was du bekommst und was du selbst beschaffen musst.
  6. Fünfzehn Minuten gehen an Rollen und Qualitätssicherung, denn beides ist Arbeitszeit, die kein Leistungsbild von allein abdeckt.
  7. Datenumgebung und Technologien nehmen zehn Minuten, weil dort steht, wer die Plattform stellt und welche Formate Pflicht sind.
  8. Zehn Minuten bleiben für Normen und Anlagenverzeichnis, damit dir kein Regelwerk ohne Ausgabestand durchgeht.

Die Minuten sind eine Arbeitsempfehlung und keine Messung. Die AIA-Lesehilfe dieses Themenfelds stellt zu jeder dieser Stellen die Fragen und schreibt die offenen Punkte mit. Sortiert ist sie nach Kapiteln, die Reihenfolge oben gibst du selbst vor.

Was danach offen bleibt, geht als Bieterfrage an die Vergabestelle, solange noch Zeit zum Rechnen bleibt. Bleibt deine Anlage auch nach der Antwort dünn, hilft die Seite „Die dünne AIA“ dieses Themenfelds weiter.

Quellen

Fundstellen geprüft am 31.07.2026, einzelne am 02.08.2026 nachgeprüft. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.

  1. ↩ DIN EN ISO 19650-2, Abschnitt 5.2.1, Aufstellen der Austausch-Informationsanforderungen im Ausschreibungsschritt. Abschnittsnummer geprüft am 31.07.2026, Normtext nicht eingesehen.
  2. ↩ Masterplan BIM Bundesfernstraßen, Rahmendokument AIA, V 1.0, Oktober 2021, gedruckte Seite 10 und 11 sowie Kapitel 2.2; Empfehlung, keine Rechtsnorm.
  3. ↩ Leitfaden BIM4INFRA2020 Teil 2, April 2019, dessen Gliederung über das Rahmendokument in die Landesmuster wanderte; Inhaltsverzeichnisse von fünf Mustern verglichen.
  4. ↩ BIM Deutschland, prototypischer LOIN-Anhang Brücke, V 0.9 vom 17.03.2022; Geometriestufe einmal auf Bauwerksebene, Merkmale je Bauteil, ausgezählt am 02.08.2026.
  5. ↩ AIA-Mustervorlage von BIM.Hamburg, Version V002 vom 17.09.2024; das Anlagenverzeichnis führt Leitfaden, Objektkatalog und Prüfcheckliste mit eigener Fassung.
  6. ↩ Rahmendokument AIA und AIA-Muster der DEGES für die Objektplanung, Version 2.01, beide verlangen das Entfernen der orange markierten Hinweise.
  7. ↩ VDI 2552 Blatt 10, Februar 2021, Anwendungsbereich, Bewertung vorliegender AIA samt Aufwandsabschätzung. Nur die frei einsehbare Übersicht geprüft, Richtlinientext nicht eingesehen.
  8. ↩ Rahmendokument „Anwendungsfälle für den Regelprozess“, V3.0, Bundesministerium für Verkehr, Februar 2026, Kapitel 2 und 3; zwei Ausprägungstiefen je Anwendungsfallbeschreibung, Konkretisierung über die AIA.
Stand 09/2026