Was im Tiefbau anders läuft
Warum läuft BIM im Tiefbau anders als im Hochbau?
Themenfeld 1 · Zuerst verstehen · Lesezeit 6 Minuten
Wer sich in BIM einliest, landet schnell in Leitfäden voller Geschosse, Wände und Türen. Eine Gemeindestraße hat davon nichts, und der Kanal darunter erst recht nicht. Die Methode bleibt dieselbe, nur der Gegenstand ist ein anderer. Im Büro merkt man das an mehreren Stellen gleichzeitig, und deshalb lohnt der Blick auf die Unterschiede.
Was gemeint ist
Die Definition ändert sich nicht, wenn man vom Haus auf die Straße wechselt. Auch eine Gemeindestraße und der Kanal darunter sind Bauwerke im Sinn der Norm,1 und auch hier zählt zuerst, wer welche Information wozu benutzt. Anders ist das Ordnungsprinzip, nach dem ein Modell aufgebaut wird.
Ein Gebäude sortiert seine Bauteile nach Geschossen, eine Straße hat keine. Im Tiefbau übernimmt die Achse diese Aufgabe, denn jedes Bauteil liegt bei einer Station, von der Fahrbahnschicht bis zum einzelnen Schacht. Das Gelände ist dabei selbst ein Bauteil, das im Modell liegt und sich unter einer Baugrube ändert.
Das offene Austauschformat hat diesen Wechsel nachvollzogen. IFC hat mit seiner jüngsten Version die Kette über dem Geschoss verallgemeinert. Ganz oben steht jetzt das Bauwerk als Anlage, und eine Gemeindestraße ist eine davon.2
Das Gebäude ist in dieser Kette nur einer von fünf Fällen.2 Die Achse hängt dort am Projekt und nicht unter dem Bauwerk, weil sie im Schema kein Bauteil ist, sondern beschreibt, wo etwas liegt.
Wer die Vorlage aus dem Hochbau übernimmt, merkt davon am ersten Tag nichts. Auffällig wird es bei der ersten Abgabe, weil dann alle Unterschiede gleichzeitig auf dem Tisch liegen.
Was das für dein Büro heißt
Am gedachten Beispiel wird das konkret, einer Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit dem Mischwasserkanal unter der Fahrbahn und den Sparten daneben.
| Im Hochbau | An unserer Ortsdurchfahrt | Was daran hängt |
|---|---|---|
| Geschoss, Raum, Wand | Achse, Gelände, Querschnitt, Haltung | Gliederung und Benennung |
| Lage ist ein Nullpunkt im Gebäude | Lage und Höhe sind amtlich, der Maßstab verzerrt | Übernahme von Vermessung und Bestand |
| Bestand wird aufgemessen | Bestand kommt von Leitungsträgern und Gutachtern, in 2D und mit Vorbehalt | Umgang mit Unschärfe |
| Stückzahlen und Flächen | Massen aus Abtrag und Auftrag, nach den Vorschriften der Abrechnung | Prüffähigkeit der Mengen |
| Kollision heißt Durchdringung | Abstand zählt, Leitung zu Leitung und Baum zu Kanal | Wahl der Prüfregeln |
Die mittlere Spalte beschreibt unser Beispielprojekt.
Gelände und Bestand kommen von anderen
Im Hochbau wird der Bestand aufgemessen, im Tiefbau wird er geliefert. Bei uns kommt er aus mehreren Richtungen mit unterschiedlicher Genauigkeit.
- Das Geländemodell liefern die Landesdaten oder eine Vermessung. Es deckt die ganze Strecke ab.
- Den Kanal liefert die Datenbank des Betreibers. Die Sohlhöhen stammen aus der letzten Befahrung und sind entsprechend alt. Bei der Geländeaufnahme lassen sich die Schächte in Lage und Höhe nachmessen, der Kanal dazwischen bleibt Annahme.
- Die fünf Leitungsträger schicken uns ein Lageband in 2D. Eine Höhe steht selten dabei, oft nur eine pauschale mittlere Tiefe.
- Den Baugrund kennen wir aus drei Bohrungen. Dazwischen bleibt der Schichtenverlauf eine Annahme.
Ein Bestandsmodell muss diese Unsicherheit zeigen, statt sie zu glätten. Wer eine Leitung ohne Höhenangabe auf eine runde Tiefe legt und das am Objekt nicht vermerkt, liefert eine Genauigkeit, die es nicht gibt, und die Bauleitung verlässt sich darauf.
Steht das Modell nicht im amtlichen Bezugssystem, passt es weder zur Vermessung noch zum Bestand. Selbst dann verkürzt die Kartenabbildung unsere 800 Meter um rund 33 Zentimeter, was erst beim Abstecken auffällt.
Prüfung, Abrechnung und Lieferung folgen anderen Regeln
Die Kollisionsprüfung, die jedes Koordinationswerkzeug mitbringt, kommt aus dem Hochbau: Sie sucht Durchdringungen zwischen Volumenkörpern in einer geschossweise gegliederten Struktur.3 Bei uns berühren sich die Bauteile im Konfliktfall oft gar nicht, zwei Leitungen liegen nur zu dicht nebeneinander. Der geforderte Abstand steht nicht im Modell, sondern in der Planungsrichtlinie für Leitungen im Straßenraum und im Merkblatt des Versorgers.4
Die Abrechnung läuft über Massen aus Abtrag und Auftrag, und geprüft wird sie nach Rechenvorschriften, die kein Modell kennen. Die geltende Ausgabe der allgemeinen Mengenberechnung stammt von 2012.5 Volumen rechnet unsere Autorensoftware, ob daraus eine prüffähige Abrechnung wird, hängt bei uns am Zusatzwerkzeug oder an Handarbeit.
Am Ende liefern wir an vier Stellen, und jede bekommt etwas anderes. Das Tiefbauamt bekommt das Koordinationsmodell, der Kanalbetrieb übernimmt die Bestandsdaten in sein Kataster, unsere Kalkulation rechnet mit den Mengen, und die Bauoberleitung steckt nach unseren Absteckdaten ab. Jede arbeitet mit einem anderen Programm, und keine öffnet unsere Zeichnung.
Gemeinsame Grundlagen dafür gibt es erst seit Kurzem. Die Version des Austauschformats, die Achse, Schicht und Erdbau kennt, ist 2024 als Norm erschienen,2 und der Katalog für das Fachmodell Verkehrsanlage der Bundesfernstraßen steht seit Dezember 2025 im BIM-Portal des Bundes, als Best-Practice-Stand vor der Version 1.0.6
Was im Hochbau eingespielt ist, handeln Auftraggeber und Büro im Tiefbau noch aus. Was ein Bauteil an Information tragen muss, die Informationsbedarfstiefe, steht in den Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA) deshalb oft nur als Zahl, ohne die Merkmale dahinter zu nennen.
Woran du es erkennst
Ob ein Modell die Tiefbau-Logik schon mitbringt, siehst du in deiner Zeichnung an drei Stellen.
- Die Achse. Gibt es sie als Objekt, an dem stationiert wird, oder liegt dort eine Polylinie mit dem richtigen Verlauf? Ohne Achse hängt kein Bauteil an einer Station, und jeder Längsschnitt entsteht von Hand neu.
- Das Gelände. Steht es als Oberfläche im Modell, die sich unter der Baugrube ändert, oder liegen da nur Höhenpunkte und ein paar Linien? Nur aus einer Oberfläche kommen Abtrag und Auftrag, und ohne sie fehlt der Baugrube ihr Bezug.
- Die Merkmale am Bauteil. Hat eine Haltung Material und Nennweite, und ist an der Deckschicht ihre Bauweise eingetragen? Diese Merkmale stammen im Tiefbau aus anderen Katalogen als im Hochbau, und weil die Kataloge jung sind, lohnt vor dem Angebot die Frage an deinen Auftraggeber, welcher Katalog gemeint ist.
Wie Geometrie und Merkmale an einer Haltung zusammenkommen, steht auf der Seite „Was BIM ist“ dieses Themenfelds.
Wo Lage und Höhe herkommen und was der Maßstab damit macht, steht auf der Seite „Wo das Modell liegt“ in Themenfeld 3. Wie man Straße, Kanal und Bestand in Fachmodelle aufteilt, ohne dass die Gliederung auseinanderfällt, steht auf der Seite „Fachmodelle abgrenzen“ in Themenfeld 4. Was eine Prüfung auf Abstand leisten kann, klärt die Seite „Kollisionsprüfung im Tiefbau“ in Themenfeld 6.
Fundstellen im August 2026 und am 08.09.2026 geprüft. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.
- ↩ DIN EN ISO 19650-1, Abschnitt 3.3.14, zur Definition. Die Norm liegt hinter einer Bezahlschranke, deshalb steht hier die Bedeutung und kein Zitat.
- ↩ IFC 4.3 als DIN EN ISO 16739-1, Ausgabe 2024: die Anlage als Oberklasse, die Achse am Projekt. Geprüft am 11.08.2026.
- ↩ VDI 2552 Blatt 4:2020-08, Abschnitt 8.5 zur ebenenweisen Gliederung und Abschnitt 8.10 Elementkollisionen, nach dem frei abrufbaren Inhaltsverzeichnis. Geprüft am 08.09.2026.
- ↩ DIN 1998:2018-07 zur Unterbringung von Leitungen in öffentlichen Verkehrsflächen, Leitungszonen und Regelanordnung bei Neuanlage; die Versorger fordern in eigenen Merkblättern teils mehr. Geprüft am 08.09.2026.
- ↩ REB-VB 23.003 zur allgemeinen Mengenberechnung, geltende Ausgabe 2012, aus der Sammlung der BASt zur elektronischen Bauabrechnung. Geprüft am 12.08.2026.
- ↩ Best-Practice-Katalog Fachmodell Verkehrsanlage, BIM-Portal des Bundes, veröffentlicht am 15.12.2025, erster Baustein des Objektkatalogs BIM Bundesfernstraßen; die Version 1.0 folgt.
