Lohnt sich das für ein kleines Büro?
Lohnt sich das für ein kleines Büro, oder ist das etwas für die Großen?
Themenfeld 1 · Zuerst verstehen · Lesezeit 6 Minuten
Die Frage kommt in jedem Büro, das zum ersten Mal eine Ausschreibung mit BIM auf dem Tisch hat. Sie ist schwer zu beantworten, weil der Aufwand vorn anfällt und der Nutzen erst später sichtbar wird. Wir gehen sie deshalb über den Zweck an, für den das Modell gebraucht wird, weil sich daran der Aufwand festmachen lässt.
Was gemeint ist
„Lohnt sich das“ meint im Termin zwei verschiedene Fragen, und die werden gern vermischt. Die eine ist die Pflichtfrage, ob wir überhaupt müssen, und die beantwortet die Seite „Ist BIM Pflicht?“ dieses Themenfelds. Die andere ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit, und um die geht es hier.
Belegen lässt sich, wofür das Modell gebraucht wird; eine übertragbare Ersparnis in Prozent dagegen nicht, weil dafür der Vergleichsfall fehlt. Drei Nutzen sind in der Liste von BIM Deutschland als Anwendungsfall beschrieben.1
- Die Koordination der Fachgewerke. Enge Stellen zwischen den Leitungen fallen bei der Kollisionsprüfung am Modell auf, bevor jemand aufgräbt.
- Die bauteilbezogene Mengenermittlung. Die Massen kommen am Bauteil heraus und lassen sich nachrechnen, statt aus der Zeichnung geschätzt zu werden.
- Die Ableitung von Planunterlagen. Plan und Modell hängen aneinander, deshalb passt die abgeleitete Zeichnung zum Modellstand.2
Keiner dieser Nutzen setzt eine bestimmte Projektgröße voraus. Er hängt daran, ob es einen Anwendungsfall gibt, für den sich die Arbeit lohnt. In einem kleinen Büro ist das die entscheidende Frage, weil jede Stunde ohne Zweck aus der eigenen Kalkulation kommt.
Was sich dagegen nicht nachweisen lässt, ist eine Einsparung in Prozent. Der Bundesrechnungshof hat 2024 festgestellt, dass das Verkehrsministerium für keinen Verkehrsträger eine Erfolgskontrolle durchgeführt und einen Vergleich mit Projekten ohne BIM gar nicht vorgesehen hat.3 Wer den Nutzen in Prozent beziffert, müsste Bezugsgröße und Vergleichsfall nennen können, und das gilt für Befürworter wie für Kritiker.
Was das für dein Büro heißt
Rechnen wir das am gedachten Beispiel durch, einer Ortsdurchfahrt über 800 Meter mit Mischwasserkanal; im Büro sind wir zu acht. In unserem Vergabeordner sind die Anwendungsfälle 010, 050 und 080 angekreuzt, Nummern aus der Liste von BIM Deutschland.1 Sie stehen für Bestandserfassung und -modellierung, Koordination der Fachgewerke und Ableitung von Planunterlagen.4
Wo der Nutzen entsteht
In unserem Beispiel wird der Mischwasserkanal in drei Bauabschnitten erneuert, daneben liegen fünf Sparten und eine Baumreihe im Gehweg. Wer diese Leitungen räumlich zusammenlegt, sieht die engen Stellen am Bildschirm statt beim Aufgraben.
Ein Vorteil des Tiefbaus geht dabei oft unter, denn am Modell selbst arbeiten wenige. Häufig plant ein Büro und baut eine Firma, während im Hochbau viele Fachplaner am selben Modell hängen. Das spricht eher für ein kleines Büro als dagegen.
Wo der Aufwand entsteht
Der Aufwand ist genauso real, und er fällt vorn an. Drei Posten fallen besonders ins Gewicht.
- Die Merkmale am Bauteil. Eine Haltung trägt Material, Nennweite und Baujahr, und die Liste dieser Merkmale steht fest, bevor das erste Bauteil entsteht.
- Die Prüfung des Exports. Ob die Merkmale in der Austauschdatei ankommen, sieht man erst nach dem Export, deshalb gehört jede Lieferung vor dem Versand geöffnet und angesehen.
- Die Abstimmung vor jeder Lieferung. Mit dem Auftraggeber klären wir vor jedem Datenübergabepunkt, was geliefert wird und woran die Abnahme hängt.
| Arbeitspaket | Was dabei herauskommt | Woran der Aufwand hängt |
|---|---|---|
| Bestand als Modell (010) | Kanal, Sparten und Gelände liegen einmal räumlich zusammen statt in einzelnen Auskünften | Auskünfte ohne Höhe müssen bewertet und mit Vorbehalt eingebaut werden |
| Koordination der Fachgewerke (050) | Enge Stellen zwischen Kanal, Sparten und Baumreihe fallen vor dem Bau auf | Ohne festgelegte Mindestabstände meldet die Prüfung viele Treffer, die niemand sichtet |
| Planableitung (080) | Lageplan und Längsschnitt passen zum Modellstand, auch nach der dritten Änderung | Modell und Zeichnung müssen aneinander hängen, sonst pflegst du beides doppelt |
| Mengen je Bauabschnitt, bei uns nicht gefordert | Massen kommen bauteilbezogen heraus | Das Merkmalskonzept steht vor dem ersten Bauteil, nachträglich wird es Handarbeit |
Die Tabelle beschreibt unser Beispielprojekt; gefordert sind die drei Nummern, die Mengen fallen mit an.
Die Sätze, die im Termin fallen
Der erste Satz lautet bei uns „Für 800 Meter ist das eine Nummer zu groß“, und er wirft Pflichtfrage und Wirtschaftlichkeit wieder zusammen. Einen Schwellenwert nach Bausumme gibt es im Bundesfernstraßenbau nicht,5 und für eine Gemeindestraße gilt ohnehin das, was im Vergabeordner steht.
Der zweite Satz nennt eine Einsparung in Prozent. Eine Übersichtsarbeit von 2025 über 75 Studien findet keine einheitliche Methode, mit der sich der Nutzen von BIM berechnen ließe, und kaum Untersuchungen zum nicht bezifferbaren Nutzen.6 Deshalb steht auf dieser Seite keine Prozentzahl.
Der dritte Satz verspricht Fördervorteile. Eine geltende Förderrichtlinie für Bauvorhaben, die BIM als Voraussetzung oder als Vorteil nennt, war bei Bund und Ländern nicht auffindbar; der Bund fördert BIM als Forschungsthema, und Nordrhein-Westfalen hat BIM-Planungsleistungen bei klimagerechten Wohngebäuden von 2021 bis 2023 bezuschusst.7 Wer damit wirbt, sollte die Richtlinie nennen können.
Was daraus für das Angebot folgt
Der Zweck steht damit fest, die drei Nummern sind benannt. Die Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA), bei uns die Anlage 7 des Vergabeordners, sagen aber noch nicht, was dieser Zweck kostet. Zu den Liefergegenständen fehlt das Format, und die geforderte Tiefe steht nur als Zahl je Leistungsphase, ohne Merkmalsliste.
Trotzdem muss am Ende eine belastbare Summe im Angebot stehen, und unser Formblatt Preis sieht dafür eine einzige Zeile ohne Aufgliederung vor. Deshalb hängt unsere Antwort an einer Bieterfrage.
Woran du es prüfst
Vor dem Angebot hilft eine engere Frage als die nach dem Lohnen. Hat dieser Auftrag einen Anwendungsfall, der die Arbeit rechtfertigt, und steht in der AIA genug, um ihn zu bepreisen? Woran du einen Anwendungsfall erkennst, steht auf der Seite „Was BIM ist“.
Nimm dir deine Ausschreibung vor und such zuerst den Zweck. Nennt deine Leistungsbeschreibung einen Anwendungsfall mit Nummer und Klarnamen, oder steht dort nur das Wort BIM? Ohne benannten Zweck kalkulierst du eine Leistung, die niemand beschrieben hat.
Dann prüfst du, ob die AIA den Zweck bepreisbar macht. Steht zu jedem Liefergegenstand ein Format, und steht die geforderte Tiefe als Merkmalsliste da oder nur als Zahl je Leistungsphase? Ohne diese beiden Angaben schätzt du den Aufwand, statt ihn zu rechnen.
Zum Schluss kommen zwei Fragen ans Geld. Sagt dein Auftraggeber, wer die Datenumgebung stellt und bezahlt, und lässt das Preisformblatt eine Aufgliederung zu? Was offen bleibt, gehört in eine Bieterfrage, und die stellst du früh, nicht am letzten Tag der Frist.
Was aus den Antworten für den Preis folgt, steht auf der Seite „Was die BIM-Leistung kostet“ in Themenfeld 2. Wie man die Nummern und die Sätze im Vergabeordner liest, zeigt die Seite „Das Vergabe-PDF lesen“.
Wer sortieren will, welcher Anwendungsfall zu welcher Leistungsphase gehört und welchen Katalog ein anderer Auftraggeber führt, nimmt den Anwendungsfall-Wähler dieses Themenfelds.
Fundstellen geprüft am 31.07.2026 und 08.09.2026. Die Ortsdurchfahrt ist ein konstruiertes Beispiel.
- ↩ „Standard-Anwendungsfälle“, BIM Deutschland, Version 2.1 vom 15.02.2022 (Datei V2.0), auch harmonisierte Liste genannt, zu den Nummern 010, 050, 080 und 100.
- ↩ Praxisdokument „Planableitung“, BMDV, April 2024: Plan und Modell stehen nebeneinander, die Zahl abgeleiteter Zeichnungen soll sinken.
- ↩ Bundesrechnungshof, Bemerkungen 2023, Ergänzungsband, Beitrag 31, 2024: keine Erfolgskontrolle der BIM-Einführung, kein Vergleich mit Projekten ohne BIM vorgesehen.
- ↩ Rahmendokument „Anwendungsfälle für den Regelprozess“, V3.0, BMV, Februar 2026: Zweck und Ergebnis der Anwendungsfälle 010, 050 und 080.
- ↩ Allgemeines Rundschreiben Straßenbau Nr. 05/2026, Bundesministerium für Verkehr, VkBl. 2026 S. 346: kein Euro-Betrag und kein Schwellenwert nach Bausumme.
- ↩ Gharaibeh, Eriksson, Lantz, „Quantifying BIM investment value“, Journal of Engineering, Design and Technology 23/5, 2025, Seiten 1384 bis 1403: 75 ausgewertete Studien, keine einheitliche Berechnungsmethode.
- ↩ Förderrichtlinien von Bund und Ländern, geprüft am 08.09.2026: keine für Bauvorhaben; mFUND fördert BIM-Forschung, progres.nrw förderte 2021 bis 2023 BIM-Planungsleistungen bei Wohngebäuden.
